Natürlicher Zuckerersatz stark umstritten – Studien über den Süßstoff „Stevia“

Gesundheitsfördernd? Oder doch gesundheitsschädigend? Die Meinungen über den Zuckerersatzstoff Stevia gehen weit auseinander. Wie das Internetportal private-krankenversicherung.de informiert, sind sich Experten immer noch nicht über die Wirkung des südamerikanischen Honigkrautes einig.

Aufelin Pure

Die aus dem Grenzgebiet zwischen Paraguay und Brasilien stammende Pflanze, wird bereits seit Jahrhunderten von den einheimischen Indios genutzt. In den 1950er Jahren begannen dann auch die Japaner, Stevia im großen Stil zu kultivieren. Der natürliche Süßstoff, der kalorienfrei und für Diabetiker geeignet ist, wurde so über lange Zeit hinweg in großen Mengen verwendet, bis eine umstrittene Studie ihn als Mutagen identifizierte.

Auch heute ist die Haltung zu Stevia-Erzeugnissen geteilt. In der EU sind sie immer noch nicht als Lebensmittel zugelassen. In Frankreich und der Schweiz hingegen, sind bestimmte Formen des Süßstoffs erlaubt. Der Großkonzern Coca Cola zeigte sich 2007 an Stevia interessiert und China begann 2005 mit großflächigem Stevia-Anbau.

Klare Informationen über den wahren Charakter der Pflanze sind nur schwer zu finden, da die meisten Studien diesbezüglich stark von Lobbyisten beeinflusst zu sein scheinen. Während die eine Studie die gesundheitsfördernde Wirkung von Stevia hervorhebt und ihr einen positiven Effekt gegenüber Karies, Bluthochdruck und Diabetes bescheinigt, verteufeln andere Studien den natürlichen Zuckerersatz. So bestehen einer Studie der WHO zufolge Zweifel am harmlosen Charakter von Steviol. Auch wenn Untersuchungen am Menschen noch ausstehen, haben Versuche an Ratten einen negativen Einfluss auf die männliche Fruchtbarkeit gezeigt. Dies sollte allerdings nicht allzu sehr verwundern, da der Stoff von den Indianern traditionell als Verhütungsmittel benutzt wurde.

Natursüßstoff Stevia – Als Badezusatz zugelassen, als Lebensmittel verkauft

Ohne schlechtes Gewissen Süßes essen und trinken – mit dem Natursüßstoff Stevia soll das möglich sein. Doch in Deutschland ist das Naturprodukt als Lebensmittel immer noch nicht zugelassen. Trotzdem wird Stevia verkauft. Die Verbraucher werden nicht aufgeklärt und tragen die Risiken.

Deutsche Verbraucher, die ihren Kaffee mit Stevia süßen wollen, müssen eventuell gesundheitliche Risiken in Kauf nehmen. Denn offiziell unterliegen Stevia-Produkte der Kosmetikverordnung, als Lebensmittel werden sie offiziell nicht verkauft. Doch längst wird Stevia im Internet oder in Bio-Supermärkten in verschiedenen Formen angeboten: Zu kaufen gibt es Samen, Stecklinge oder ganzen Topfpflanzen, getrocknete Blätter, Flüssigextrakte, vor allem aber gereinigtes Steviosid in Pulver- oder Tablettenform. Steviosid, der weiße Extrakt aus der Stevia-Planze ist rund 300-mal süßer als das Äquivalent Zucker. Meist werden die Produkte als Pflanzendünger oder als Basissubstanz für Kosmetika beworben. Dass Verbraucher die Produkte aber auch als Lebensmittel-Süßstoff verwenden, liegt auf der Hand: So kann es kein Zufall sein, dass etwa die handlichen Stevia-Tabs-Spender der Hersteller „Raab Vitalfood” oder „Gesund & Leben” sehr an die im Handel seit Jahren erhältlichen Süßstoffspender erinnern.

Tatsächlich fand Thomas Reintjes vom Verbraucherportal konsumo.de Stevia im Süßstoffregal eines Biomarkts: „Zumindest in der Kölner Filiale dieser Biokette stand der Steviasüßstoffspender direkt neben anderen Süßungsmitteln. Das führt Verbraucher in die Irre.” Was offiziell als Dünger oder Kosmetikprodukt verkauft wird, darf nicht mit Lebensmitteln verwechselbar sein.

„Der Aufdruck auf dem Spender selbst ließ völlig im Unklaren, um was es sich handelt”, berichtet der konsumo-Sprecher. “Universell einsetzbar – Auch zum Düngen von Pflanzen geeignet”, war auf der Packung zu lesen.

Im Internet kursieren auf bekannten Seiten für Hobbyköche dutzende Rezepte mit Stevia als Süßungsmittel. „Wer sein Essen mit Blättern der Stevia-Pflanze oder Extrakten aus dem süßen Grün verfeinert, sollte jedoch wissen, dass er bei durch das ‘Novel Food’ hervorgerufenen gesundheitlichen Problemen derzeit keine Chance hätte, jemanden dafür zur Verantwortung zu ziehen”, warnt Thomas Reintjes. Denn in der Regel haftet auch kein Hersteller, wenn seine Seife gegessen oder sein Duschgel getrunken wird.

Eine süße Pflanze: Stevia

Das Misstrauen gegenüber synthetischen Süßstoffen intensivierte die Suche nach natürlichen, pflanzlichen Alternativen. Die in Lateinamerika beheimatete und bereits Ende des 19. Jahrhunderts entdeckte Pflanze Stevia rebaudiana aus der Familie der Korbblütler könnte eine solche Alternative sein, berichtete Privatdozent Dr. Ralf Pude, Geschäftsführer der Lehr- und Forschungsstationen der Universität Bonn, beim Internationalen Diätetik Kongress in Aachen. Stevia speichert in ihren Blättern natürliche Süßstoffe, die, je nach Konzentration, um den Faktor 30 (gemahlene Blätter) bis 300 (aufgereinigt) mal süßer sind als Saccharose, zudem thermisch und physikalisch ausreichend stabil sind und damit den Anforderungen der Nahrungsmittel verarbeitenden Industrie gerecht werden. Die Diskussion um die Eignung von Stevia rebaudiana und ihren Süßstoffen für den menschlichen Verzehr ist in verschiedenen Teilen der Welt mit sehr unterschiedlichen Ergebnissen geführt worden. Stevia-Extrakte oder ihre isolierten Süßstoffe, vor allem Steviosid, werden seit geraumer Zeit und in größerem Umfang in einigen lateinamerikanischen und asiatischen Ländern, insbesondere Brasilien, Korea und Japan, als Nahrungsmittelzusatzstoffe verwendet. Bisher gibt es von dort keine Berichte über schädliche Auswirkungen auf den Organismus, die auf den Verzehr dieser Produkte zurückzuführen sind. Während der Konsum in Japan bereits seit etwa 30 Jahren in großem Stil erfolgt, ist der Verkauf von Stevia-Produkten in der EU und in den USA derzeit noch mit Hinweis auf nicht ausreichend gesicherte Unbedenklichkeit (z.B. pharmakologische Wirkung oder Mutagenität von Steviol) untersagt. Der nächste Internationale Diätetik Kongress findet am 7. und 8. Oktober 2006 im Kármán Auditorium der RWTH Aachen statt. Die Themen Rheuma, Osteoporose, sekundäre Pflanzenstoffe und Allergien/Unverträglichkeiten bilden die Schwerpunkte. Außerdem findet zum ersten Mal ein Diätassistenten-Symposium statt. Weitere Informationen sind unter www.ernaehrungsmed.de erhältlich.